Kurskorrektur Polizei
Report11 Min. LesezeitVon Dr. Alexander Groß

Wer bin ich ohne Uniform? Identität im Polizeidienst

Die Uniform ist für viele Polizeibeamte mehr als Berufskleidung. Was bleibt, wenn sie ausgezogen wird — und warum diese Frage so schwer zu stellen ist.

Orientierung

Identität.

Die Uniform ist für die meisten Polizeibeamten mehr als Berufskleidung. Was bleibt, wenn sie ausgezogen wird — und warum diese Frage so schwer zu stellen ist.

Inhalt(6 Kapitel)
  1. Warum die Frage im Polizeidienst schwerer ist als anderswo
  2. Was Identitäts-Forschung uns zeigt
  3. Drei typische Punkte, an denen das Selbstbild zu wackeln beginnt
  4. Die Frage vor dem Gedanken: Identität, nicht Karriere
  5. Was Sie damit anfangen können
  6. Quellen

Es gibt einen Moment nach Dienstschluss, den viele Polizeibeamte kennen, aber selten beschreiben. Man zieht die Uniform aus, hängt sie in den Spind, dreht den Schlüssel herum. Für eine Sekunde, manchmal auch für zwei, weiß man nicht recht, wer man jetzt ist. Der Mann im Zivil, der gleich nach Hause fährt? Der Polizist, der das Hemd nur abgelegt hat, aber es innerlich weiterträgt? Irgendwer dazwischen, der seine eigene Handschrift noch nicht kennt?

Für die meisten Kollegen ist dieser Moment nicht bedrohlich, sondern alltäglich — er verschwindet, sobald das Auto anspringt oder die Haustür aufgeht. Für manche aber wird er irgendwann auffällig. Der Sekundenbruchteil dehnt sich, die Frage wird lauter. Und wer dann zum ersten Mal ernsthaft versucht, sich selbst außerhalb des Berufs zu beschreiben, merkt: die Sprache fehlt.

Das ist die Frage, die am Anfang fast aller Wechselgedanken steht. Sie heißt nicht „kann ich mir das finanziell leisten" und auch nicht „welchen Job finde ich danach". Sie heißt: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Polizist bin?

Warum die Frage im Polizeidienst schwerer ist als anderswo

Jeder Beruf prägt die Identität. Ein Lehrer ist auch privat geduldiger als der Durchschnitt, eine Ärztin hat beim Familienessen andere Augen als der Rest. Aber es gibt wenige Berufe, die die Identität so tief formatieren wie der Polizeivollzugsdienst. Das ist keine romantische Behauptung, sondern empirisch gut belegt.

Der Soziologe Rafael Behr, heute Professor an der Polizeiakademie Niedersachsen, hat in seinem Standardwerk Cop Culture. Der Alltag des Gewaltmonopols (2. Auflage, VS Verlag 2008) drei Mechanismen beschrieben, die den Polizeidienst zu einer besonders identitätsbildenden Arbeit machen.

Erstens: die Dienstform selbst. Wer Wechseldienst geht, Nachtschichten, Wochenenddienste, hat einen Alltag, der sich von dem seiner zivilen Umgebung zunehmend entfernt. Die Freunde, die mit 18 in derselben Kneipe waren, treffen sich heute mit anderen Freunden. Der Beamte trifft sich am Wochenende mit Kollegen, weil nur die den eigenen Rhythmus haben. So entsteht über Jahre eine soziale Insel, auf der die Polizei-Identität dauerhaft bestätigt wird.

Zweitens: die gemeinsame Erfahrung. Jeder Polizist erlebt Dinge, die er mit Menschen außerhalb des Dienstes nicht teilen kann — nicht aus Geheimnistuerei, sondern weil die Sprache für diese Erfahrungen außerhalb der Dienststelle kaum existiert. Wer den Einsatz bei einem Suizid auf der Bahnlinie gesehen hat, wer eine Mutter von einem Kindstod unterrichten musste, findet im zivilen Umfeld keine natürlichen Gesprächspartner. Die Kollegen werden zur einzigen Community, die versteht, was man meint. Diese Exklusivität der Erfahrung ist ein stärkster Identitäts-Kleber, als es Gehalt oder Aufstiegschancen je sein könnten.

Drittens: die Dienstethos-Sprache. Begriffe wie „Schutz und Hilfe", „Dienst an der Gemeinschaft", „Freund und Helfer" sind keine hohlen Formeln. Sie werden in Ausbildung, Fortbildung und Beförderungsprozessen ständig wiederholt und werden irgendwann zum Selbstbild. Wer das zwanzig Jahre lang hört und lebt, beschreibt sich selbst eines Tages nicht mehr als jemanden, der den Beruf Polizist ausübt, sondern als Polizist, der zufällig gerade im Dienst ist oder nicht. Der Unterschied ist semantisch klein, identitätslogisch fundamental.

Polizeikultur arbeitet mit Visionen und ist nach außen gerichtet; Polizistenkultur arbeitet mit Traditionen und richtet sich in das Innere der Polizei.

Rafael Behr, Cop Culture (2008)

Was Identitäts-Forschung uns zeigt

Die Identitäts-Psychologie kennt für den Vorgang — die enge Verschmelzung einer sozialen Rolle mit dem privaten Selbstbild — verschiedene Konzepte. Die US-amerikanischen Psychologen William Swann und Ángel Gómez entwickelten ab 2009 unter dem Begriff identity fusion ein Modell dafür, wann persönliche und soziale Identität so eng miteinander verschmelzen, dass sich Mitglieder einer Gruppe selbst kaum noch unabhängig von dieser Gruppe denken können. Auf Berufsrollen übertragen heißt das: Je stärker eine berufliche Rolle soziale Anerkennung, emotionale Bestätigung und Gemeinschaftserleben liefert, desto enger verschmilzt sie mit dem privaten Selbstbild — und desto schwerer wird es, sich selbst außerhalb dieser Rolle zu denken.

Der Entwicklungspsychologe Erik H. Erikson prägte in den 1960er Jahren in seinem Werk Identity: Youth and Crisis (W.W. Norton 1968) den Begriff der Identitätskrise: ein psychologischer Zustand, in dem bisher stabile Selbstbilder ins Rutschen geraten und neu verhandelt werden müssen. Erikson beschrieb das ursprünglich als Phänomen der Adoleszenz. Die spätere Forschung — vor allem der kanadische Psychologe James Marcia mit seinem Vier-Felder-Modell der Identity Statuses (1966) — zeigte, dass solche Prozesse auch im mittleren Erwachsenenalter auftreten können, wenn sich die Lebensumstände ändern oder ein vorher stabiles Selbstbild nicht mehr trägt. Die finnische Längsschnittstudie von Fadjukoff, Kokko und Pulkkinen (2016), die Identitätsstatus-Übergänge über den Zeitraum zwischen Alter 27 und 50 verfolgt hat, bestätigt dieses Muster auch empirisch.

Marcia unterschied vier Zustände: Diffusion (keine klare Identität), Foreclosure (übernommene, nie hinterfragte Identität), Moratorium (aktive Suche) und Achievement (integrierte, bewusst gewählte Identität). Viele Polizeibeamte befinden sich — das ist keine Wertung, sondern eine typologische Einordnung — in Foreclosure: Sie haben sich früh für den Beruf entschieden, oft in jungen Jahren, oft auch unter familiärem Einfluss; Polizei-Karrieren erscheinen in Biografien nicht selten über mehrere Generationen, auch wenn belastbare bundesweite Quoten dazu rar sind. Was dann an einem Punkt im Leben passiert — in der Längsschnittforschung häufig ab Mitte 30 —, ist der Übergang vom Foreclosure-Zustand in ein Moratorium: die aktive Suche.

Diese Suche fühlt sich an wie eine Krise, weil sie eine ist. Sie ist aber nichts Krankhaftes, sondern ein normaler Entwicklungsschritt, wenn ein lange unhinterfragtes Selbstbild reif wird für Überprüfung.

Drei typische Punkte, an denen das Selbstbild zu wackeln beginnt

In Gesprächen mit ausstiegs-denkenden Polizeibeamten zeichnet sich ein Muster dreier typischer Auslöser ab, die eine latent schon vorhandene Identitäts-Frage plötzlich hörbar machen. Keine dieser drei Auslöser muss zwingend in einen Ausstieg führen — oft führen sie zu einer bewussteren Neubestätigung des Berufs. Aber sie sind die Momente, in denen die Frage überhaupt erst stellbar wird.

Ein prägender Einsatz. Nicht zwingend ein dramatischer, aber einer, der so tief unter die Haut ging, dass der Beamte danach das Selbstbild „Ich bin Polizist" nicht mehr selbstverständlich tragen kann. Oft geht es um einen Moment, in dem die professionelle Routine ihn verlassen hat und er sich selbst als Privatperson in einer beruflichen Situation wiedergefunden hat. Die Grenze zwischen Rolle und Selbst wird durchlässig, und die Durchlässigkeit bleibt.

Ein Beurteilungs- oder Beförderungsprozess. Wenn die Bewertung der eigenen Arbeit nicht mehr mit dem eigenen Selbstbild übereinstimmt — „ich dachte, ich bin ein guter Polizist, aber meine Beurteilung sagt etwas anderes" oder umgekehrt „ich stehe besser da, als ich mich fühle" —, entsteht eine kognitive Dissonanz, die fast immer zu einer stillen Identitäts-Prüfung führt.

Eine familiäre Umbruch-Phase. Geburt eines Kindes, ernsthafte Krankheit in der Familie, Scheidungs-Nachricht eines Kollegen. Private Ereignisse, die im zivilen Leben Räume aufreißen, in denen die berufliche Identität plötzlich nicht mehr alles abdeckt. Was übrig bleibt, wenn die Polizei-Rolle für drei Wochen Nebensache wird, ist oft der Nukleus einer neuen Selbstwahrnehmung.

Die Frage vor dem Gedanken: Identität, nicht Karriere

Die meisten Karriere-Ratgeber setzen an der falschen Stelle an. Sie fragen: „Was sind Ihre Stärken? Was wollen Sie verdienen? Welche Branchen sind attraktiv?" Das sind die Fragen der dritten, vierten, fünften Stunde eines Wechsel-Prozesses. Die Frage der ersten Stunde — die Frage, die ehrlich beantwortet werden muss, bevor die anderen überhaupt Sinn ergeben — ist: Wer möchten Sie sein, wenn die Uniform weg ist?

Es gibt keine abstrakte Antwort darauf. Man findet sie nur, indem man sie ernst nimmt und ihr Zeit gibt. Aber es gibt drei Beobachtungen, die aus Gesprächen mit Polizeibeamten in Wechsel-Phasen hilfreich scheinen.

Die erste: Die Identität ist nicht verloren. Sie ist nur dicht an den Beruf gewachsen und braucht jetzt eine getrennte Stimme. Wer zwanzig Jahre Polizist war, hat Fähigkeiten, Werte, Haltungen erworben, die über den Beruf hinausgehen — Konfliktfähigkeit, De-eskalations-Kompetenz, Stressresistenz, Menschenkenntnis, Durchsetzungsvermögen, Team-Loyalität. Diese Eigenschaften waren im Polizeidienst sichtbar. Außerhalb sind sie auch da, aber sie brauchen eine neue Sprache und neue Anlässe, um sich zu zeigen.

Die zweite: Identität entsteht nicht durch Nachdenken, sondern durch Ausprobieren. Dies ist die zentrale Einsicht der wichtigsten Karriere-Identitäts-Forscherin der letzten zwei Jahrzehnte, der Organisations-Psychologin Herminia Ibarra von der London Business School. In ihrer Längsschnitt-Studie mit Führungskräften in Karriere-Übergängen, die sie in dem Buch Working Identity: Unconventional Strategies for Reinventing Your Career (Harvard Business School Press 2003, aktualisierte Auflage 2023) beschrieben hat, kommt sie zu einem Befund, der dem konventionellen Karriere-Ratgeber widerspricht: Man entdeckt seine neue Identität nicht im Vorfeld durch Selbstanalyse, sondern erst im Tun durch kleine Experimente. Ibarra nennt es „Test and Learn" — mehrere „possible selves" probeweise bewohnen, beobachten, welches Gefühl entsteht, und daraus langsam eine neue Selbstbeschreibung entwickeln.

Das ist für Polizeibeamte besonders wichtig, weil sie oft mit der Erwartung an sich selbst ins Wechsel-Nachdenken gehen, man müsse „vorher" wissen, was nach dem Dienst kommt. Ibarras Forschung zeigt: Das weiß man nie vorher. Man weiß es erst, nachdem man in Probeform — durch Gespräche, Praktika, ehrenamtliche Arbeit, ein Wochenend-Seminar, einen informellen Kontakt — eine andere Rolle angetestet hat. Die Frage ist nicht „welcher Beruf passt zu mir", sondern „welche Version meines zivilen Selbst will ich als nächstes ausprobieren".

Die dritte: Identitätsübergänge gelingen, wenn das Netz vielfältiger wird. Wer nur mit Polizei-Kollegen spricht, wird seine Polizei-Identität bestätigen — egal, was er zu ihr denkt. Wer zu Menschen außerhalb der Dienststelle Kontakt sucht (ehemalige Kollegen, die schon ausgestiegen sind; Fachleute aus angrenzenden Feldern; Menschen, die ähnlich gelagerte Brüche durchlebt haben), erweitert die Zahl der Spiegel, in denen er sich sehen kann. Die neue Identität entsteht nicht im Monolog, sondern in neuen Dialogen.

Was Sie damit anfangen können

Die Fragen, die am Anfang eines möglichen Wechsels stehen, sind selten die Fragen, die am Ende wichtig sind. Wer heute noch denkt „ich will raus", denkt in zwei Jahren vielleicht „ich will bleiben, aber anders". Wer heute denkt „ich bleibe, ich muss nur anders", wechselt in zwei Jahren vielleicht doch. Beide Bewegungen sind legitim, und keine von beiden lässt sich abkürzen durch vorzeitige Festlegung.

Was sich abkürzen lässt, ist die Zeit, die zwischen dem ersten leisen Gedanken und der offenen Beschäftigung mit der Identitätsfrage vergeht. Diese Zeit ist in vielen Fällen unnötig lang — weil die Scham, überhaupt daran zu denken, jahrelang dafür sorgt, dass das Thema privat bleibt. Wer diese Scham ernst nimmt, wird sie nicht überwinden, indem er sie ignoriert, sondern indem er sie als das erkennt, was sie ist: ein Ausdruck der starken Bindung an den Beruf, nicht ein Grund, die Frage wegzudrücken.

Ein erster, unaufgeregter Schritt: sich selbst in einer ruhigen halben Stunde zwei Fragen schriftlich zu stellen. Erstens: Was würde ich an mir selbst vermissen, wenn ich nicht mehr Polizist wäre? Zweitens: Was an mir gibt es, das mit dem Beruf nichts zu tun hat — und das mir selbst im Polizei-Alltag manchmal fehlt? Das ist keine Therapieübung. Es ist ein leises Inventar, das oft deutlicher Orientierung schafft als monatelanges Grübeln.

Die Uniform ist mehr als Kleidung, das ist wahr. Aber sie ist auch nicht alles, was einen Polizisten ausmacht. Was darunter steckt — nicht unter dem Stoff, sondern unter der Rolle —, hat ein Recht darauf, eine eigene Stimme zu finden. Und oft ist es gerade der Mut, diese Stimme einmal leise zu prüfen, der den Beruf wieder tragbar macht. Oder, wenn es dazu kommt, den nächsten Schritt vorbereitet.

Weiterlesen: Wenn Sie den Gedanken konkret machen wollen — in Zahlen, Paragraphen und drei realistischen Wechselpfaden für Ihre Laufbahn, Ihr Bundesland, Ihre Dienstjahre — ist das der Kern des individuellen Kurskorrektur-Polizei-Reports. Mit Waitlist-Eintrag bekommen Sie sofort den 10-seitigen Muster-Report als PDF. 14 Tage Geld zurück, ohne Begründung.

Wenn Sie lieber erst die Datenlage verstehen wollen, lesen Sie als Nächstes: „Warum immer mehr Polizisten aussteigen — die Zahlen" oder „Innere Kündigung im Polizeidienst — wenn die Uniform schwerer wird als der Einsatz".

Quellen

  • Behr, Rafael: Cop Culture — Der Alltag des Gewaltmonopols. Männlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei. 2. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008. Springer-Nature-Link
  • Deutsche Hochschule der Polizei (DHPol) / Bundesministerium des Innern (BMI): MEGAVO — Motivation, Einstellung und Gewalt im Alltag von Polizeivollzugsbeamten. Abschlussbericht September 2024, basierend auf zwei Online-Befragungen mit je über 40.000 Teilnehmenden (2021–2024). polizeistudie.de · Pressemitteilung BMI zum Abschlussbericht
  • Erikson, Erik H.: Identity: Youth and Crisis. W.W. Norton, New York 1968. W.W. Norton
  • Fadjukoff, Päivi / Kokko, Katja / Pulkkinen, Lea: Identity Formation in Adulthood: A Longitudinal Study from Age 27 to 50. In: Identity, Vol. 16(1), 2016, S. 8–23. PMC Open Access
  • Ibarra, Herminia: Working Identity — Unconventional Strategies for Reinventing Your Career. Harvard Business School Press, Boston 2003. Aktualisierte Auflage 2023. Harvard Business Review Store · herminiaibarra.com
  • Marcia, James E.: Development and validation of ego-identity status. In: Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 3(5), 1966, S. 551–558. DOI 10.1037/h0023281. — Grundlegend für das Vier-Felder-Modell der Identity Statuses.
  • Swann, William B. / Gómez, Ángel et al.: Verschiedene Studien zur identity fusion ab 2009. Übersicht: Swann, W.B. / Buhrmester, M.D.: Identity Fusion. In: Current Directions in Psychological Science, Vol. 24(1), 2015, S. 52–57. UT Austin Labs (PDF)
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Über den Autor

AG

Dr. Alexander Groß

Dr. phil. · empirische Bildungsforschung · 7 Jahre Universität Koblenz

Promotion zu Governance und Standardisierung im föderalen Mehrebenen-System. Autor des individuellen Kurskorrektur-Polizei-Reports. Privates Informationsangebot — keine dienstliche Verbindung zur Polizei.